Ich muss mal …

… Dampf ablassen. Immer wieder heißt es ja, und ich bin eigentlich schon genügend darauf eingegangen, dass VeganerInnen „missionieren“ würden. Mal ganz davon abgesehen, dass Veganismus absolut NICHTS mit Religion zu tun hat, selbst bei den meisten extrem strengen VeganerInnen kann das bezweifelt werden, geht es mir einfach nur noch auf die Nerven, dass ich an jeder Ecke Weightwatchers, Medikamentendiätler oder sonstwelche Diätversuche um die Ohren gehauen bekomme. Warum redet niemand von missionieren, wenn Oliver Kahn uns versucht das Punkte zählen schmackhaft zu machen? Ach ne das ist ja „nur“ Werbung. Werbung für etwas, dass uns in unseren eingefahrenen Leben nicht wirklich tangiert. Außer, dass sie uns auf die Idee bringt, dass wir vielleicht etwas zu dick sein könnten. Wir machen uns dann noch eher selbst Vorwürfe („Schon wieder zu viel Süßes gegessen.“, „Bin ja wirklich etwas schwabbelig geworden.“, etc.), als dass wir mal auf die Idee kämen das System hinter diesem Werbespektakel zu hinterfragen. Es ist ja nur Werbung, die mensch entweder ernst nehmen kann oder die ignoriert wird. Dass hinter Weight Watchers bspw. eine riesige Maschinerie von Werbung, Vertrieb und Marketing steht, die im Endeffekt nur eins will, nämlich unser Geld. Dass wird getrost in den Hintergrund gedrängt, wenn man sich entscheidet anstatt richtig zu essen und sich einfach mal mit den Nahrungsmitteln auseinander zu setzen, die wir jeden Tag in uns reinschaufeln, lieber Punkte zu zählen und im Großen und Ganzen einfach so weiter zu leben wie bisher. Ist ja auch schön einfach.

Was mich einfach nur stört ist, dass ich, egal wo ich bin, Gespräche über diese und jene Diät ertragen muss und wenn ich mal auf Alternativen und auf bestimmte Problempunkte eingehe wird reflexartig schon fast von einer Art religiösem Wahn ausgegangen. Klar will man nicht gerne hören, dass für das Kalbsschnitzel einer Mutter das Kind entrissen und getötet wird. Oder dass Milchkühe ohne Unterlass künstlich befruchtet werden, weil sie, wie menschliche Frauen auch, ohne Schwangerschaft und einem Kind einfach keine Milch geben. Es ist auch schwer zu ertragen, dass für die „Produktion“ von Eiern die männlichen Küken geschreddert werden, weil sie weder fürs Eierlegen noch für die Mast etwas taugen. Aber was hat das bitte mit Religion zu tun? Ist die Aufklärung auf einmal in ihrem Sinn reversibel? Was ist aus dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (I. Kant – 1784) geworden, wenn es die meisten Menschen einen Dreck angeht, wo ihr Essen herkommt und wie es produziert wird? Klar, in einer Welt in der Profitmaximierung und Kapitalsteigerung zu festgeschrieben Dogmen stilisiert werden, die naturgegeben und alternativlos zu sein scheinen, ist es schwer ohne ethische Fehltritte zu leben. Kaffee und Kakao von Kindern gepflückt und verarbeitet, Kleidung in Kinderarbeit produziert, Technik unter katastrophalsten Bedingungen zusammen gesetzt. Keiner kann behaupten sich allumfassend korrekt zu versorgen. Aber das ist auch nicht nötig. Wichtig ist es, dass die Menschen wissen woher ihre Lebensmittel und Konsumgüter stammen, damit sie den Druck auf die HerstellerInnen ausüben können dies zu ändern. Das hat wenig mit Religion oder Fanatismus, sondern viel mehr mit Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen zu tun. Und JedeR kann durch eine kleine Verhaltensänderung etwas bewegen und sei es nur, dass er/ sie kein Geld mehr in die Qual und das Leid von Tieren investiert. Mit jeder Kaufentscheidung treffen wir eine Entscheidung für oder gegen etwas. Also warum nicht einfach mal etwas für Gesundheit, Nachhaltigkeit, Naturschutz, Tierschutz und Fairness tun indem man vielleicht auch nur ein bis zwei Tage die Woche eine vegane Lebensweise praktiziert und sich regelmäßig mit seiner Nahrung und seinen Gewohnheiten auseinander setzt?

Wenn ihr also in Zukunft nochmal meint VeganerInnen wegen ihrer Ernährung zu kritisieren, fragt euch doch lieber, ob ihr verantworten könnt, dass eure Kinder in eine Welt voller okölogischer und ökonomischer Verelendung hineingeboren werden. Wir sind sicher nicht die letzte Generation, aber wir sind vielleicht eine der letzten Menschen, die diese Welt noch retten können.

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